In den letzten Jahren haben viele Institute und Firmen Daten veröffentlicht, die zeigen, dass es eine massive Vermögenskonzentration bei Bitcoin gibt. In einem ansonsten so dezentralen Netzwerk, sollen weniger als fünf Prozent aller Bitcoin-Adressen etwa 95% aller Bitcoin halten. Eine im Jahr 2017 veröffentlichte Studie von How Much zeigt sogar, dass 1 Prozent der Adressen bereits mehr als die Hälfte der verfügbaren Bitcoin hatten. Ist Bitcoin also fair verteilt?

Wir möchten in der heutigen Analyse zwei Perspektiven einnehmen. Auf der einen Seite, stellen wir uns die Frage, wie es zusammenpasst, dass in einem dezentralen Netzwerk das Vermögen so konzentriert ist und auf der anderen Seite wollen wir vergleichen wie es um die Vermögens-Verteilung in Deutschland und den USA steht.

2% der Bitcoin-Adressen kontrollieren 80% der verfügbaren BTC

Die aktuelle Studie, auf die wir uns beziehen, ist von TruStory erstellt worden. Bei TruStory handelt es sich um eine Plattform, die ein interessantes Ziel verfolgt. Mehr fakten-orientierte Debatten im Netz, Argumente anstatt persönlicher Diffamierungen und Aussagen, die auf Daten anstatt subjektiven Empfindungen basieren.

Die Gründerin und gleichzeitig CEO des Startups, Preethi Kasireddy, teilte die Ergebnisse am Dienstag via Twitter mit. Konkret wurde die Verteilung des Vermögens von Bitcoin untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass 2% der Bitcoin-Adressen leicht über 80% des BTC Angebot kontrollieren.

Lorenz-Kurven und der Gini-Koeffizient: die Studienergebnisse im Detail

Die Statistik und der daraus folgende Bericht wurden von Saurabh Deshpande, einem Analysten von TruStory, verfasst. Dieser nutzte die Lorenzkurve als Ausgangslage für seine Schlussfolgerungen zur Vermögensverteilung von BTC.  Der ein oder andere mag den Begriff Gini-Koeffizienten und die Lorenzkurve vielleicht aus den VWL-Vorlesungen kennen – die Lorenzkurve ist hierbei eine Grafik, die eine statistische Verteilung (in unserem Fall die Vermögensverteilung) grafisch darstellt und hierbei besonders gut die (Un-)gleichheit einer Verteilung (=Disparität) aufzeigt.

Wie wird eine solche Grafik gelesen und interpretiert?

Eine Lorenzkurve zeigt zu jedem Wert entlang der x-Achse die dazugehörige relative Konzentration (auf der y-Achse) an. Das heißt konkret Folgendes: Wir betrachten beispielsweise den Wert 75% auf der x-Achse und schauen welcher zugehöriger y-Wert sich dazu ergibt. Die rote Kurve weist bei einem x-Wert von 75% einen ungefähren y-Wert von 5-7% auf. (Dadurch, dass die Einteilung der Werte entlang der y-Achse nur sehr grob ist, lässt sich ein genauer Wert schwer ermitteln). 

Wir interpretieren das Ergebnis wie folgt: 75% der Bitcoin-Adressen kontrollieren 5-7% der gesamten Bitcoin-Anzahl. Die blaue Gerade stellt als Kontrast dazu, eine Gleichverteilung dar.

bitcoin-lorenz-curve

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast

Im Rahmen der Veröffentlichung der Ergebnisse gab Deshpande auch zu, dass er einige Parameter, die ein besseres Bild über die Verteilung des Vermögens ermöglicht hätten, weggelassen hat. So halten Exchanges eine große Anzahl an Bitcoin in Cold Storages. So hat er diese Bitcoin von den Adressen „entfernt“ und „gedanklich“ auf Adressen verteilt, die jeweils bis zu einem 1 BTC halten.

The assumption here is that people with more than 1 BTC would like to store in their hardware wallets.

Er hat sich jedoch noch weitere „Freiheitsgrade“ bei der Gestaltung seiner Statistik erlaubt. So hat er beispielweise keine Daten zu den Adressen, die zwischen 10 bis 100 BTC besitzen, benutzt, da man nach seiner Aussage hierzu keine Daten fände. All diese Änderungen und Anpassungen führen dann letztendlich zu der Lorenz-Kurve, die wir gerade eben gezeigt haben. Wer ganz genau nachvollziehen möchte, welche Annahmen und Anpassungen es bei der Erstellung der Grafik gab, kann sich den originalen Artikel von Desphande auf Medium durchlesen.

Das Ergebnis der Lorenzkurve kommentierte er wie folgt:

Though this wealth distribution is better than the first one, I presume the reality might be slightly better. Despite this, the distribution is nowhere close to being ideal. I hope the scenario changes and the distribution gets better as time passes. Till then, one of the greatest threats to bitcoin is this curve.

Kritik zu den Studien-Ergebnisse gibt es zu Genüge

Betrachtet man die „statistische Präzision“, die der Arbeit vorangeht, ist es wohl klar, dass Deshpande und TruStory für ihre Schlussfolgerungen zur Verteilung des Bitcoin Vermögen stark kritisiert wurden. So sagt beispielsweise Ari Paul, CIO bei der Investmentfirma BlockTower Capital, dass die Relation „Prozent der Bitcoin-Adressen“ nicht aussagekräftig sei.

Denn solch eine Zahl ließe sich extrem leicht manipulieren – man stelle sich nur vor, wie die Statistik aussähe, wenn Millionen von neuen Wallet-Adressen generiert werden würden, in denen sich jeweils geringe Mengen an BTC befinden. Das Ergebnis wäre sofort eine viel, viel gleichmäßigere Verteilung des Vermögens. Anders gesagt: es gäbe mehr Bitcoin-Adressen auf denen Bitcoin liegen und die Verteilung würde somit „gestreckt“ werden.

So stelle Paul die offene Frage in den Raum:

The problem is that the denominator is kind of a nonsense number. What does the total number of addresses mean or matter?

Sein Vorschlag wäre eine Art untere Grenze einzuführen, damit solche Manipulationsversuche nicht in der Statistik erfassen werden. Konkret sagt er:

A more meaningful measure is something like # of addresses with at least 0.1 BTC.

Auf der anderen Seite findet Deshpandes Bericht auch Unterstützung. So sagt beispielsweise Civic.com CEO Vinny Lingham, dass gerade diejenigen, die seit Beginn der „Bitcoin-Zeitrechnung“ am Minen sind, Millionen an BTC sammeln konnten und dementsprechend viel Kontrolle über das Netzwerk haben. Er geht hier auch auf die Anzahl der nicht bewegten Bitcoin ein, die er aktuell auf 3 Millionen beziffert. Wenn du mehr über dieses Thema erfahren willst, dann empfehlen wir dir unseren Artikel Bitcoin Anzahl im Faktencheck: Wie viele BTC sind für immer verloren?

Three million coins haven’t moved, and they are still in the hands of a few people.

Wie ist das Vermögen in Deutschland und den USA verteilt?

Um diese Diskussion abzurunden, möchten wir auch noch die zweite Perspektive einnehmen. Jetzt, da wir wissen, dass es auch bei der Bitcoin Verteilung eine Macht- bzw. Vermögenskonzentration gibt, wäre es doch interessant zu sehen, wie das Vermögen in Deutschland und den USA verteilt ist.

Gibt es eine ähnliche Ungleichheit oder sieht die Vermögensverteilung vielleicht noch ungleicher aus?

Die Vereinigten Staaten von Amerika – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten?

Beginnen wir mit den USA. Oft ist dort die Rede vom „American Dream“ und der damit verbundenen Vorstellung, dass jeder (mit ausreichend Fleiß und Disziplin) es von ganz unten bis nach oben schaffen kann. Man könnte also meinen, dass das Vermögen in den USA einigermaßen gleich verteilt wäre. Schließlich gibt es eine breite Mittelschicht und einen hohen Lebensstandard in den USA. Die Realität sagt uns jedoch etwas anderes: Pustekuchen. Denn nach der unten stehenden Grafik besitzen in den USA die 10% reichsten Prozent der Bevölkerung 77,1% des gesamten Kuchens. Die „unteren“ 50% kommen gerade auf einen Gesamtanteil von 1.2%.

us-wealth-distribution-2016

Deutschland – das Land der sozialen Marktwirtschaft

Nun gut, dass in den USA viele Milliärde leben ist bereits bekannt. Von daher kommt es für einige vielleicht nicht ganz überraschend, dass das Vermögen in den USA ungleich verteilt ist. Aber wie sieht es denn mit Deutschland aus?

Hierzu konnte ich keine direkte Statistik (wie die obige) finden. Dennoch möchte ich einen Indikator nennen, der uns eine gute Relation geben kann: den Gini-Koeffizienten. Dieser gibt an, wie gleich bzw. ungleich Vermögen verteilt ist. Der Wert ist normiert und liegt immer im Intervall [0,1]. Ein Wert von 0 bedeutet vollkommene Gleichverteilung und ein Wert von 1 würde heißen, dass 1 Person alles besitzt.

Deutschland weist hierbei einen Gini-Koeffizienten von 0,79 auf. Ziemlich ungleich also. Damit ihr das in Relation setzen könnt: die USA haben einen Gini-Koeffizienten von 0,86.

Das permanente Problem der Ungleichheit

Wie der heutige Artikel (hoffentlich) gezeigt hat, ist Ungleichheit ein Phänomen, das es so schon immer in modernen Staaten gegeben hat. Ungleichheit gibt es sowohl im Sozialismus, als auch im Kapitalismus. Vermögen konzentriert sich und aus „mehr wird auch schnell noch mehr“. Wir konnten sehen, dass die Anzahl an Bitcoin nicht gerade gleich verteilt ist. Dies ist ein ernstes Problem, denn Zentralisierung von Vermögen und Kapital heißt auch immer Zentralisierung von Macht und Einfluss. Um aber nicht nur Bitcoin an den Pranger zu stellen, sei darauf hingewiesen, dass es auch in den USA, in Deutschland und weltweit eine enorme Ungleichverteilung von Vermögen gibt.

Wie denkst du über die Bitcoin Verteilung? Ist Ungleichheit ein Problem für eine zugrunde liegende Währung? Sind Bitcoin-Adressen überhaupt die richtige Grundlage für eine solche Bewertung? Komm in unseren Telegram Chat und tausche dich mit den Experten und der Community aus. Abonniere zusätzlich unseren News Kanal, um keine News mehr zu verpassen.

[Bildquelle: Shutterstock]
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Daniel Wenz avatar
Autor
Daniel ist 24, hat einen Bachelor of Science als Wirtschaftsingenieur und ist als Content Creator bei Cryptomonday tätig. Seit 2014 ist er aktiv im Krypto-Sektor unterwegs. Das es dazu kam, hat er einer Vorlesung zu verdanken, in der über das disruptive Potenzial der Blockchain unterrichtet wurde. Seine Interessen umfassen die Technik und das breite Anwendungsgebiet der Technologie – nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die Gesellschaft. Um den Zugang zu diesen komplexen Themen zu erleichtern, hat er selbst ein kleines Startup gegründet. Er beschäftigt sich mit der Verbreitung von BTC-Automaten in Deutschland und wirkte maßgeblich an Videos und Büchern mit.