Julian Hosp über ICOs, Regulierung, Utility- und Security-Token (1/2)

Julian Hosp ist viel unterwegs in der Kryptowelt. Er lebt und arbeitet mittlerweile in Singapur, im Juni war er mit den CryptoNights auf einen Abstecher in Köln zu Gast. Patrick Garbe und Mirco Recksiek, die Organisatoren unseres Community Meetups CryptoMonday, sprachen mit ihm über Kryptowährungen, Security Token und die richtige Regulierung von ICOs. 

Base58: Wir sind Patrick und Mirco von Base58 und wir haben heute einen sehr spannenden Interviewpartner. Wir haben Dr. Julian Hosp vor einem Monat kennengelernt, als wir gemeinsam ein Meetup veranstaltet haben. Julian, vielen Dank für deine Zeit und vielen Dank, dass du uns für einige Fragen Rede und Antwort stehst!

B58: Julian, wie du zu Cryptos gekommen bist, erzählst du ja auch in deinen Videos, vielleicht möchtest du darauf nochmal kurz eingehen. Mich würde vor allem interessieren, was dich an Kryptowährungen und auch an Blockchain so begeistert.

Julian Hosp: Also die Story ist glaube ich relativ einfach erklärt, ich habe von Kryptowährungen und Bitcoin das erste Mal 2011 gehört.  Damals war ich noch Arzt. Mich hat das erstmal nicht so beeindruckt, ich habe das eher als Scam empfunden und habe dem Ganzen wenig Glauben geschenkt. Erst drei Jahre später, 2014 als ich in Bangkok einen anderen Innsbrucker – wo auch ich herkomme – getroffen habe, den Tobi. Der hat mir damals Blockchain erklärt, die Technologie hinter Kryptowährungen, und hat mir vor allem auch die Medizinseite erklärt, also etwas das ich verstanden habe. Er hat mir halt gesagt, dass mit Blockchain digitale Daten in die Kontrolle der Menschen geht und nicht nur in die Firma, die diese Daten speichert. Ich war dann Feuer und Flamme, weil ich dieses Problem mit Patienten, oder allgemein Gesundheitsdaten, voll verstanden habe.

Ich wollte dann eigentlich unbedingt ein Medizin-Startup machen, das hat aber überhaupt nicht funktioniert. Es war dafür einfach zu früh und dieses Konzept von Dezentralisierung war den Leuten noch überhaupt nicht verständlich.

Kryptowährung oder Crypto Asset? Zahlungsmittel oder digitales Gold?

Ich habe dann 2015 mit ihm gesagt, wir gehen in diesen Bereich Kryptowährungen rein. Das war auch bei mir in dem ersten Jahr 2015/2016 noch eher vorsichtig in dem Bereich, weil ich einfach nicht hundertprozentig davon überzeugt war. Und ich bin auch sicher heute noch jemand, der vielleicht ein bisschen anzweifeln würde, ob wir das ganze wirklich Kryprowährungen nennen sollten oder eher Crypto Asset, wie eben im englischen. Das ist eigentlich ein besseres Wort, mehr ein Kryptowert, oder eine Wertanlage.

Ich bin noch nicht hundertprozentig davon überzeugt, dass eine Kryptowährung unbedingt als Währung verwendet werden muss, oder ob es eher ein digitales Gold sein sollte.

Ich bin sicher jemand, der total von einem Crypto Asset überzeugt wäre, also ein digitales Gold, das braucht´s. Das ist definitiv so. Ob dieses digitale Gold heute und jetzt unbedingt als Währung verwendet werden muss… vielleicht in manchen Regionen, in manchen Ländern. Ich glaube aber, dass es nicht unbedingt sein muss.

Ich bin sicher jemand, der es viel spannender findet, was Blockchain kann und was Dezentralisierung mit Menschen macht, als einfach nur solche Preisspekulationen.

Ich habe, Gott sein Dank, viel Geld verdient durch diese Preisspekulationen, aber es war jetzt nie so, dass mich das angetrieben hat. Klar, jeder verdient gerne Geld.

Aber das ist glaube ich der Unterschied: willst du Geld verdienen wegen des Geld Verdienens, oder willst du was anderes machen und verdienst dabei Geld? Letzteres war glaube ich immer schon meine Motivation und hoffentlich bleibt das auch so.

B58: Wir sehen das ähnlich. Wir differenzieren auch zwischen Kryptowährungen und Spekulationen darauf und der wirklichen Technologie dahinter. Denn der Unterschied dazwischen ist wirklich signifikant. Das sieht man teilweise auch an den Kryptowährungen selbst – die besten Projekte, ohne Beispiele zu nennen, die sich zum Teil gar nicht so viel um Marketing kümmern, sind vom Marketcap total niedrig, obwohl da richtig tolle Technologie dahinter ist. Das finde ich ein bisschen schade, aber das ist natürlich der Spekulationsteil, der auch dazu gehört.

Daher wäre ich da bei dir, dass man das besser als Crypto Assets bezeichnet. Es gibt natürlich Kryptoprojekte, die auch wirklich als Währung gedacht sind, manche wirklich nur als Spekulationsobjekt. Das ist ein interessanter Aspekt. Da kommen wir auch zum nächsten Punkt, ich würde gerne auch über ICOs mit dir diskutieren. Wie stehst du grundsätzlich zu ICOs? Denkst du, das ist die Zukunft der Unternehmensfinanzierung? Oder ist es nur ein Hype, der wieder verfliegt?

ICOs: Die Zukunft der Unternehmensfinanzierung oder nur ein Hype?

Julian Hosp: Also, wir haben bei TenX letztes Jahr 80 Millionen US-Dollar durch einen ICO bekommen.

Das heißt, ich bin auf jeden Fall ein großer Fan von ICOs. Klar, einerseits aus eigenem Interesse, andererseits auch, weil ich glaube, dass so eine ganze Industrie von Finanzierung komplett disrupted wird.

Und ich glaube, dass ICOs einen unglaublich riesigen Wert darstellen. Nichts desto trotz ist es natürlich wie bei allem, es gibt immer auch eine Kehrseite. Die sieht man auch bei ICOs. Das heißt, ich zwar wirklich ein großer Fan, aber ich bin auch jemand, der zur Vorsicht ruft. Es gibt viele Projekte da draußen, wahrscheinlich der Großteil, die sehr zweifelhafte Interessen haben. Und das Problem ist, dass du das oft kurzfristig überhaupt nicht erkennen kannst. Du wirst Projekte haben, die vielleicht kurzfristig straucheln, die aber total legit sind. Und du wirst Projekte haben, die kurzfristig total solide ausschauen, die aber die vollen Scrams sind. Man tut sich relativ schwer, die kurzfristige Sicht irgendwie abzuschätzen. Ich glaube, wir werden erst so in drei, vier oder fünf Jahren ehrlich einen Schlussstrich ziehen können.

Ich werde zum Beispiel ganz oft gefragt, ob wir bei TenX mal eine IPO machen wollen. Dann sage ich immer, ich werde auf jeden Fall eine IPO machen, wenn wir das noch müssen. Weil es kann gut sein, dass, in den nächsten fünf Jahren zum Beispiel, die Möglichkeit, direkt Equity, also direkt Aktienanteile über ICOs zu verkaufen, deutlich günstiger, einfacher und deutlich schneller sein wird, als dass du erstmal eine halbe oder sogar eine Million in die Hand nehmen musst, um erstmal eine IPO aufzusetzen. Und das ist ja nur der Start, da sind noch gar keine Provisionen an irgendwelche Banken oder ähnliches inkludiert. Mit einem ICO hast du einfach alles selbst in der Hand. Wenn du gut im Marketing bist, wenn du das alles selber schön aufsetzen kannst… Also unser ICO hat uns damals wirklich nichts gekostet! Null Euro.

Also ich bin generell ein großer Fan, aber alles bitte mit Vorsicht genießen.

Ich würde mir wüschen, dass viele Firmen da draußen ICOs machen und das auch korrekt machen, wenn der Markt einfach gesäubert wird von vielen schlechten Projekten.

ICOs und Regulierungen. Schutz für Investoren oder Hemmnis für Innovation?

B58: Das ist für mich auch ein kritischer Punkt. Ich bin auch der Meinung, ICOs sind eine super Sache. Warum? Weil sie Innovationen antreiben. Wir geben Projekten die Chance, die vielleicht sonst nicht so gut, schnell und günstig so viel Geld einsammeln könnten, etwas auf die Beine zu stellen und die Welt vielleicht zu verändern. Leider wird das auch ausgenutzt. Deswegen bin ich ein bisschen skeptisch, wie sehr beim Thema Regulationen noch das Schwert über den Kryptowährungen schwebt. Willst du dazu etwas sagen, ist es sinnvoll in diesem ICO-Bereich stark zu regulieren, oder würdest du sagen, es reguliert sich auch selbst?

Julian Hosp: Ich meine, am Ende reguliert sich immer alles von selbst, die Frage ist nur, was ist der Preis, den wir dafür bezahlen. Ich bin ja bei einigen Arbeitsgruppen der EU beteiligt, in denen wir über ICOs und Regulationen reden. Ein Punkt ist, dass ich finde, dass es schade wäre, wenn Länder hergehen und durch Regulationen Sachen verbieten. Ich bin eher der Meinung, dass man sagt, man macht eine laissez faire Politik, also lässt es erstmal laufen und benennt aber konkret Sachen, die zu Hundertprozent okay sind. (..)

Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass man hergeht und sagt, man setzt einen ICO auf und macht maximal 100.000€, es gibt gewisse Punkte über die ein Anwalt geschaut hat oder es gibt bestimmte Audits und dann sagt die BaFin oder die EU, das ist so im grünen Bereich, das ist definitiv legal. Dann ist das vielleicht für 99 Prozent der Firmen überhaupt nicht interessant, aber für einen kleinen Prozentsatz für kleine Startups, die sagen „wenn ich nur 50.000€ hätte, könnte ich meine Geschäftsidee umsetzen, aber ich traue mich nicht, weil es so viele rechtliche Unsicherheiten gibt“ wäre das der Unterschied zwischen starten und nicht starten. Und der Start ist das wichtigste. Ich glaube, das wäre ein wichtiger Schritt.

Was ich ganz skeptisch sehe, sind Verbote. Das sehe ich überhaupt nicht gern und es ist meiner Meinung nach im digitalen und dezentralen Bereich auch dumm, weil die Leute ohnehin Um- und Auswege finden.

B58: Ja, ich denke auch, dass ein Standard auf jeden Fall helfen würde, das Ganze zu vereinfachen. Gerade auch für Leute, die in diesem Bereich gar nicht affin sind und vielleicht auch für Projekte einen ICO machen wollen, die gar nichts mit Blockchain zu tun haben. Wir sprechen ja von Unternehmensfinanzierung, es muss meiner Meinung nach nicht zwingend etwas mit Blockchain zu tun haben.

Ich bin ganz bei dir, ich habe auch Angst vor Überregulation und Innovationsstopp, weswegen ich Verbote auch schwierig finde. Ich bin der Meinung, jeder Mensch trifft seine eigenen Entscheidungen, etwa ob man in diese oder jene Kryptowährung investiert oder eben an einem ICO teilnimmt. Jeder muss seine Hausaufgaben machen, das ist ganz klar.

Ich finde es schade, wenn ich jetzt zum Beispiel an die USA denke, dass dort Leute, die keine akkreditierten Investoren sind, an ICOs nicht teilnehmen können. Gerade Kleinanleger haben die Chance bekommen, wirklich früh an solchen Startup-Projekten teilzunehmen. Das schaffen normalerweise nur Business Angels oder Venture Capitalists. Kleinanleger sind so in gewisser Weise zu Startup-Inkubatoren geworden, das finde ich wirklich toll.

Julian Hosp: Da stimme ich dir zu Hundertprozent zu!

Utility oder Security Token? Das Konzept von Security Token ist in der EU noch nicht existent

B58: Da wir gerade bei Standardisierung sind, aktuell ist das ganze Thema rund um Utility Token noch sehr stark. Der Token hat also eine Funktion, ist dadurch schwieriger zu greifen. Wir haben uns jetzt darauf geeinigt, wir bezeichnen das als Crypto Asset.

Nun ist auch das Thema Security Token im Raum, also wirklich analog zu einer Aktie auch ein Sharehold auszugeben, auf Tokenbasis. Was hältst du davon? Ist das der richtige Weg?

Julian Hosp: Also ich glaube ja, dass 99 Prozent aller Tokens eigentlich in die Richtung Security Token gehen müssen. (…) Das große Problem bei diesen Security Token ist nur, dass in der EU nicht einmal eine Regulierung dafür gibt.

In der EU gibt es das Konzept eines Security Tokens nicht, dieses Konzept haben quasi die Kryptoleute erfunden und das ist jetzt übernommen worden.

Auch die USA tun sich schwer mit diesem Konzept. Dort gibt es aber zumindest eine klare Definition, was eine Security ist. Das gibt es in Europa nicht. Auch in den USA ist das System, wie man das misst – der Howey-Test – ist 90 Jahre alt, also wahnsinnig veraltet.

Ich würde mir das auch für meine eigene Firma wünschen. Wir mussten total viele Vorteile von unserem eigenen Token „abschneiden“, weil wir nicht das Risiko eingehen konnten, ob wir sonst etwas Illegales machen. (…)

Das ist eben wieder das gleiche Problem, es geht nicht um ein Verbot, sondern es gibt niemanden der hergeht und sagt „wenn ihr das macht, ist es komplett legal“. Und das wäre genau das, was wir bräuchten.

B58: Diese völlige Unsicherheit und Unklarheit ist das größte Problem. Das spiegelt sich auch im aktuellen Markt ein bisschen wieder. Das Interesse ist nicht da, weil einfach noch so viel Unsicherheiten da sind.

Julian Hosp:  Und es gibt auch genug Firmen, denen das total wurscht ist. Die denken da nicht dran, die denken nicht langfristig. Die sitzen da und wollen einfach 30 Millionen einsammeln und „nach mir die Sintflut“. Denen ist wurscht, ob das jetzt halblegal ist, oder nicht.

Es gibt eben Leute, die sind sehr fragwürdige Gestalten und das muss der Markt zur Zeit einfach aussieben.

Das erlebt natürlich jeder Bereich, jedes Ökosystem und das ist auch okay. Aber es dauert eben.

B58: Ich finde aber trotzdem, dass wenn man seine Hausaufgaben macht, vernünftige ICO-Analysen usw., dann kann man so etwas auch herausfinden. Man kann sich natürlich nicht zu Hundertprozent davor schützen, aber da bin ich wieder an dem Punkt: jeder ist auch für sich selbst verantwortlich. Wir brauchen nicht immer diesen Schutzmantel von einer Regierung [oder Institutionen]. Deswegen bin ich der Meinung, dass auch solche Dinge wie Scams zwar schlecht für den Markt sind, aber wer sich in dem Markt nicht auskennt, sollte auch vorsichtig agieren.

Das ist immer wieder schwierig, man hat es im Dezember gesehen. Die Kurse sind hochgeschossen und viele haben einfach blind investiert.

Julian Hosp:  Ja und jetzt schreien alle und beschweren sich und zeigen mit dem Finger auf andere. (lacht)

[Bild: Base58]
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Patrick ist zuständig für das Strategy & Business Development von Base58. Sein Ziel ist es ein generalistisches Ökosystem aufzubauen um das Wissen über Blockchain & Co. der breiten Masse zugänglich zu machen. Patrick arbeitete viele Jahre im IT-Sektor und hat einen Abschluss im Bereich der digitalen Medien. Im Laufe der Jahre hat er sich in der Strategieentwicklung und Konzeptionierung und im Bereich Online-, Social-Media- und Growth-Marketing spezialisiert.